WIE VIELE LEBEN KOSTET EINE FLASCHE WASSER?

DIE DUNKLEN MACHENSCHAFTEN DER WASSERKONZERNE
DIE DUNKLEN MACHENSCHAFTEN DER WASSERKONZERNE
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Ein Gedankenexperiment:

Stellen Sie sich vor, ein Konzern zieht in Ihre Stadt. Große Fabrik- und Lagerhallen werden gebaut, man benötigt neue Arbeitskräfte, eine Flotte von blauen Planen-Lkw steht bereit. Dann werden Löcher in den Boden gegraben. Tiefe Löcher – mehr als hundert Meter reichen sie in die Erde hinein. Die Arbeiter sind auf der Suche. Aber wonach? Nachdem auf einmal nicht viel mehr als eine braune, stinkende Brühe aus Ihren Wasserhähnen und dem Duschkopf rinnt, wissen Sie, wonach der Konzern gräbt: Wasser. Das stellt er Ihnen auch nach kurzer Zeit wieder zur Verfügung. Abgepackt in PET-Flaschen für das 1000-Fache des vorherigen Preises, können Sie das Wasser im Supermarkt kaufen – von nun an Ihre einzige Bezugsquelle. Ein absurdes Szenario? In Deutschland ist Wasser immerhin ein öffentliches Gut und darf nicht vollständig privatisiert werden – zumindest noch nicht. In vielen anderen Teilen der Erde ist dieses Szenario hingegen längst Alltag…

Moulana Usman Baig

„Wasser ist Leben. Einem Menschen diese natürliche Ressource zu rauben, heißt nichts weniger, als ihn zu ermorden!“ Moulana Usman Baig – All India Imams Council

18:01 Uhr, Doornkloof: Lawrence nimmt sich noch eine frisch verschlossene Wasserflasche. Dann macht sich der Arbeiter auf den Weg von der Nestle-Abfüllanlage nach Hause. Er muss durch einen langen Tunnel, der unter dem Highway verläuft. Donnernd fahren über ihm Lkw hinweg, voll beladen mit den Wasserflaschen, die er eben noch abgefüllt hat. Auf der anderen Seite des Tunnels steht die Siedlung der Arbeiter – einfache Holzhütten, Toilettenkabinen, Müllberge.

Zu Hause greifen seine Kinder gierig nach der 0,5-Liter-Wasserflasche. Nachschub kommt frühestens am nächsten Tag. Denn obwohl die Siedlung nur wenige Hundert Meter von der Anlage entfernt steht, in der täglich 282.000 Liter Wasser abgefüllt werden, gibt es hier keinen öffentlichen Wasserzugang für die Familien. Zumindest nicht mehr, seit der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestle die Trinkwasserlizenz in dem südafrikanischen Dorf erworben hat. In der Nestle-Fabrik fließt aber ständig frisches Wasser. Abgepackt heißt es „Pure Life“ (Deutsch: „reines Leben“). Zwölf Stunden arbeiten Lawrence und seine Kollegen – von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends in der Wasserabfüllanlage. Sie haben einmal am Tag 15 Minuten Pause. Außerdem einen Liter Wasser, abgepackt in zwei 0,5-Liter-Flaschen. Die Empfehlung des Schweizer Konzerns lautet aber auch für diese Menschen, dass jeder zwei Liter Wasser am Tag trinken sollte, um gesund zu bleiben. „Wenn Nestle der Bevölkerung ihr eigenes Grundwasser als ,Pure Life‘ für viel Geld verkauft und behauptet, dass ihr Brunnenwasser nicht trinkbar ist, dann ist das ein krimineller Akt,“ sagt die ehemalige UN-Chefberaterin in Wasserfragen, Maude Barlow. 70 Prozent der Erdoberfläche sind mit Wasser bedeckt, doch 97,5 Prozent davon bestehen aus Salzwasser. Von den verbliebenen 2,5 Prozent, die theoretisch nutzbar wären, sind mindestens zwei Drittel in Gletschern und Eis, in Sümpfen sowie durch Bodenfeuchtigkeit und Dauerfrost gebunden. Es ist also nur eine verhaltnismäßig geringe Menge an Trinkwasser nutzbar – genau deshalb tobt ein gnadenloser Verteilungskampf auf vielen Ebenen.

Wasserflasche

KOSTBARES GUT! An diese 0,5l Flasche wird in Europa kaum ein Gedanke verschwendet. In Ländern wie Nigeria ist dieses Wasser aber überlebensnotwendig – und teurer als Benzin.

Im Hintergrund zieht das Wasserkartell die Fäden, der heimliche Herrscher über das Wasser. Dieses Kartell besteht aus dem sogenannten Weltwasserrat, einer mächtigen Lobbygruppierung mit 300 Mitgliedern, die aus den größten Konzernen der Welt stammen. Auch dabei: Wirtschaftsinstitutionen wie die Weltbank, die sich für die Privatisierung aller öffentlichen Güter einsetzt. Der Einfluss des Weltwasserrats reicht bis in die höchsten politischen Spitzen der Industrienationen. Sein Ziel: die Privatisierung des gesamten Süßwassers auf Erden. Flaschenwasser ist die Spitze dieser Wasserprivatisierung. Mineralwasserunternehmen errichten – wie Nestle in Südafrika – gigantische Abfüllanlagen an Gewässern, Flüssen und Aquiferen, pumpen die Böden leer, blasen gigantische Mengen C02 in die Atmosphäre und erzeugen Milliarden Tonnen Plastikmüll. Und die Nummer eins der Flaschenwasserindustrie ist der Schweizer Konzern Nestle.

Peter Brabeck-Letmathe

„1,5 Prozent des Wassers kann man umsonst abgeben. Die übrigen 98,5 Prozent sollte man dem Markt überlassen.“ Nestlé Chef Peter Brabeck-Letmathe

 

Nestle ist ein Wasserjäger, ein Raubtier auf der Suche nach dem letzten sauberen Wasser dieser Erde“, sagt Maude Barlow. Und Nestle ist nur ein Player in der 800 Milliarden US-Dollar schweren Wasserindustrie: Auch The Coca Cola Company, PepsiCo Inc. und SABMiller pic versuchen, jede Wasserquelle des Planeten unter ihre Kontrolle zu bringen. Auf ihren Streifzügen sichern sich die Mega-Konzerne Wasserlizenzen für große Gebiete – und das für mehrere Jahrzehnte. Dann pumpen sie das saubere Grundwasser ab, versetzen es mit Mineralien, füllen es in Plastikflaschen und verkaufen es bis zum 1000-fachen Einkaufswert. In Nigeria beispielsweise ist ein Liter „Pure Life“ teuerer als ein Liter Benzin. Es sind gerade die Länder, in denen Wasser eh schon eine knappe Ressource ist, die unter der exzessiven Wasserausbeutung leiden. Die Folgen: An vielen Orten sinkt der Grundwasserspiegel, die Menschen verlieren ihre natürlichen Wasservorkommen. Wer sich das exorbitant teure Flaschenwasser nicht leisten kann, trinkt aus den Flüssen, in de­nen die Konzerne ihren Abfall entsorgen. Durchfallerkrankungen wie Cholera, aber auch Typhus und andere Infektionskrankheiten sind an der Tagesordnung – genauso wie auch der Tod: Weltweit tötet diese Wasserpolitik sieben Menschen pro Minute – das sind 3,6 Millionen Men­schen pro Jahr. Es sterben somit mehr Kinder an verunreinigtem Trinkwasser als an Malaria, HIV, Verkehrsunfällen und allen Kriegen zusammen.

Trinkwasser – (K)ein Menschenrecht?

Am 28. Juli 2010 ist das Recht auf Zugang zu sauberen Wasser von der Vollversammlung der Vereinten Nationen als Menschenrecht anerkannt worden. Trotzdem sterben mehr als 3,5 Millionen Menschen jährlich, weil sie nur verschmutztes Wasser zu trinken haben. Oft wurden ihre Brunnen, die sauberes Wasser führten, von der Lebensmittelindustrie trocken gelegt.

Wasser

Welche Ausmaße die Privatisierung von Wasser haben kann, zeigte sich schon im Jahr 2000. Damals wurde Boliviens President Hugo Banzer vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und von der Weltbank gezwungen, die Wasserversorgung des Landes zu privatisieren. Die Folgen für die Menschen: Die Wasserpreise schossen um bis zu 300 Prozent in die Höhe, ein Viertel des Einkommens ging allein für die Wasserrechnungen drauf. Den 600.000 Einwohnern der Stadt Cochabamba wurde verboten, Brunnen zu bauen. Auch das Regenwasser durften sie nicht sammeln. Die Hand auf den Wasserhähnen hatte ein Zusammenschluss multinationaler Konzerne mit Sitz in den USA. Vier Monate lang herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände: Menschen lieferten sich offene Straßenschlachten mit der Polizei, demonstrierten in Scharen gegen die Ungerechtigkeit. Im April 2000 eskalierte die Gewalt, es gab Tote und Verletzte – die Regierung verhängte das Kriegsrecht über die Stadt. Schließlich gab die Regierung dem Druck der Bevölkerung nach und machte die Privatisierung wieder rückgängig. Diesen „Wasserkrieg“ haben die Konzerne verloren – aber sie haben ihn in hundert anderen Ländern gewonnen.

Wasserlobby

Wasserspekulant und Milliardär T. Boone Pickens

Beispiel Mexiko: Während um die Hauptstadt herum das Bohren neuer Brunnen wegen Wassermangels verboten ist, darf Nestle dort Grundwasser entnehmen und in Flaschen verkaufen. Die Auswirkungen dieser Wasserpolitik sind vor allem in ärmeren Ländern verheerend, weil es dort kaum Alternativen zum teuren Flaschenwasser gibt. Doch auch in Kanada und den USA sichern sich die Wasserkonzerne Lizenzen für Quellen. Als beispielsweise bei der großen Dürre 2007 in Atlanta fast alle Brunnen ausgetrocknet waren, pumpte Coca Cola weiter Wasser aus tieferen Brunnen ab – und verkaufte der Bevölkerung das eigene Grundwasser für ein Vielfaches des Preises von Leitungswasser. „Unser größter Feind ist das Leitungswasser“, sagte Robert S. Morrison, ehemaliger Vize-Präsident von PepsiCo schon zur Jahrtausendwende.

In Europa und in Nordamerika sprudelt sauberes Trinkwasser
aus den Hähnen – und das fast kostenlos.

Und so entwickelte die Wasserindustrie den größten Marketing-Trick aller Zeiten: Sie macht aus einem Grundnahrungsmittel ein Lifestyle-Produkt. Abgepacktes Wasser in Flaschen wird dem Verbraucher als gesünder, schmackhafter und als zeitgemäß verkauft, obwohl Leitungswasser mindestens genauso sauber und gesund ist – und akribischer kontrolliert wird. Das Marketing hat Erfolg: In den USA werden heute pro Minute mehr als 50.000 Wasserflaschen in den Supermärkten verkauft. Das sind rund 80 Millionen Flaschen am Tag. Würde man die innerhalb von einer Woche verkauften 0,5-Liter-Flaschen aneinanderlegen, so würde die Kette fünfmal um die Erde reichen.

Dabei ist nicht nur die Herkunft des Wassers problematisch, sondern auch die Verpackung: Um die Plastikflaschen herzustellen, die allein in den USA in einem Jahr über den Ladentisch gehen, werden bei der Produktion 2,7 Milliarden Liter Erdöl verbraucht. Oft gibt das Plastik giftige Stoffe wie Bisphenol A an das Wasser ab, die beim Menschen zu Fortpflanzungsstörungen führt.

GewinnmargeEin noch größeres Problem ist aber der Einfluss auf die Umwelt. Da in den USA kaum recycelt wird, landen vier von fünf Flaschen auf dem Müll. Dort werden sie vergraben oder verbrannt. Viele dieser Flaschen landen aber auch in Flüssen und werden ins Meer getrieben. Mittlerweile gibt es fünf riesige dauerhafte Müllstrudel in den Ozeanen, die in erster Linie aus Plastik bestehen – darunter unzählige Wasserflaschen. Das Plastik zerfällt bei mechanischer Reibung zu immer kleineren Teilen.

Bei Probenentnahmen mitten auf dem Meer wurde eine größere Menge klein geriebene Plastikteile gefunden, als Plankton im Wasser war – 1999 waren es 6-mal mehr, im Jahr 2008 waren es schon 46-mal mehr Plastikteile als Plankton. Dieses Mikroplastik wird von kleinen Fischen verzehrt, die wiederum von Raubfischen gefressen werden – und die landen schlussendlich auf unserem Teller.

Welchen Wert Wasser heute hat, zeigt sich auch an der Börse. Wer Anfang des 21. Jahrhunderts sein Geld in Wasseraktienfonds investiert, vermehrte sein Vermögen innerhalb von drei Jahren um bis zu 75 Prozent. Und schon in 15 Jahren soll die Nachfrage das Angebot aufgrund des weltweiten Bevölkerungswachstums übersteigen. In knapp 30 Jahren werden mehr als 40 Prozent der Länder in Asien und im Süden Afrikas unter ernsthafter Trinkwasserknappheit leiden. Experten wie die UN-Beraterin Maude Barlow sind sich sicher: Diese Knappheit wird zum größten Flüchtlingsstrom in der Geschichte der Menschheit führen. „Die meisten Politiker stehen der Wasserkrise mit unglaublicher Ahnungslosigkeit gegenüber, sagt Barlow. „Sie treffen Entscheidung, als stände die Ressource unbegrenzt zur Verfügung, und die immer mächtiger werdenden internationalen Konzerne beschleunigen die Zerstörung der letzten Süßwasserquellen. Und da Wasser auch für die weiterverarbeitende Industrie wichtig ist, drängen nun andere Konzerne auf den Markt. Im August 2012 hat beispielsweise Australien das größte Süßwasserreservoir der Südhalbkugel, die sogenannte Cubbie Station, an chinesische und japanische Investoren für 232 Millionen Dollar verkauft – das Wasser soll in die chine­sische Textilindustrie fließen. Ich sehe ganze Flotten von Wassertankern, die alles in den Schatten stellen, was es heute für Öl und Erdgas gibt“, sagt der Wasserökonom Wil­lem Buiter.

Und in Deutschland, wo Wasser ein öffentliches Gut ist? Ist das eingangs erwähnte Szenario auch hier möglich? Tatsächlich verhandelt die Europäische Union gerade mit den USA das Freihandelsabkommen TTIP. Das soll Unternehmen mehr Handlungsspielräume geben, zum Beispiel auch dahingehend, dass Konzerne regionale Wasser-Konzessionen erwerben können. Bisher haben die Kommunen die Konzessionen einfach an die eigenen Wasserwerke vergeben, doch durch TTIP könnten Konzerne in Zukunft dagegen klagen – und das vor geheimen Schiedsgerichten. Die Bundesregierung wirkt nicht sehr vertrauenerweckend, wenn sie sagt: „Wir gehen nicht davon aus, dass das passiert.“

n. ramos / c. trube


Die Kriege um Wasser werden nicht von Armeen auf Schlachtfeldern ausgetragen,
sondern von Spekulanten auf dem Borsenparkett.“

Anthony Turton

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