Was hinter der Inflationsentwicklung in Russland steckt

Ein Artikel von Klaus Dormann, zuerst veröffentlicht auf Ostexperte.de
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Inflationsentwicklung – Der Preisanstieg in Russland hat sich mehr als halbiert – ist jetzt Zeit für weitere Zinssenkungen?

 

Am heutigen Freitag, den 29. April entscheidet die russische Zentralbank darüber, ob sie den Leitzins erstmals seit August 2015 wieder ändert (UPDATE: Sie hat sie nicht geändert). Es wurde dabei eine Senkung des Leitzinses gefordert, weil die Inflation zuletzt deutlich zurückgegangen sei. Wir haben hier die Hintergründe der Inflationsentwicklung in Russland der letzten beiden Jahre für Sie aufbereitet und widmen uns folgenden Fragen: 

 

  • Was steckt hinter dem Inflationsschub im letzten Jahr und dem zuletzt raschen Rückgang des Preisanstiegs?
  • Was tut die Zentralbank gegen die Inflation?
  • Sollen die Zinsen weiter gesenkt werden?

Im März waren die russischen Verbraucherpreise nur noch 7,3 Prozent höher als vor einem Jahr. Für die russische Volkswirtschaft, die weiterhin in der Rezession steckt, ist die Inflation damit sicher immer noch zu hoch. Vor einem Jahr, im März 2015, war der Anstieg der Verbraucherpreise aber noch mehr als doppelt so stark (16,9 Prozent).

Wichtigste Inflationstreiber im Jahr 2015 waren der Rückgang des Rubelkurses und das Verbot von Lebensmitteleinfuhren durch die russische Regierung.

 

Inflation Breakdown

Diese monatlich aktualisierte Thomson-Reuters-Grafik des Anstiegs der Verbraucherpreise in Russland insgesamt, der Nahrungsmittelpreise und der Verbraucherpreise ohne Nahrungsmittel finden Sie hier (Grafik von der Website eingebunden).

 

Rubel-Abwertung verteuerte Importe

 

Der Rubel war wie die Währungen anderer Schwellenländer bereits 2013 verstärkt unter Druck geraten. Mit der Ankündigung der Straffung der Geldpolitik in den USA floss viel Kapital aus Russland ab – schon dies ließ den Rubelkurs sinken.

2014 begann der drastische Einbruch der Ölpreise. 2015 beschleunigte er sich. Im Jahresdurchschnitt war der Preis für russisches Urals-Öl mit 51,2 Dollar je Barrel rund 48 Prozent niedriger als 2014 (97,6 Dollar / Barrel).

Ölpreis (Barrel der Sorte Urals) im Jahresdurchschnitt:

  • 2014: 97,6 Dollar
  • 2015: 51,2 Dollar

Eng verbunden mit der Halbierung der Ölpreise und dem Rückgang anderer Rohstoffpreise setzte sich die Rubel-Abwertung 2015 fort. Im Jahresdurchschnitt wertete der Rubel gegenüber dem Dollar um 37,4 Prozent ab. Einfuhren nach Russland verteuerten sich in Rubel entsprechend stark.

Importverbot verknappte Angebot: Nahrungsmittelpreise explodierten

 

Mit den russischen Gegensanktionen auf Lebensmittel stiegen die Preise.

Mit den russischen Gegensanktionen auf Lebensmittel stiegen die Preise.

Neben der Rubelabwertung wirkt das Verbot der Einfuhr von Nahrungsmitteln preistreibend. Die russische Regierung hatte es im August 2014 als Antwort auf westliche Sanktionen erlassen. Plötzlich fehlte in den Regalen ein erheblicher Teil des Angebots. Mit der Verknappung stiegen die Preise.

Vor einem Jahr, im März 2015, waren Nahrungsmittel deswegen 23 Prozent teurer als 12 Monate zuvor. Im Jahresdurchschnitt 2015 stiegen die Nahrungsmittelpreise um 19,1 Prozent.

Monatliche Inflation der Konsumentenpreise in Russland
in Prozent im Vergleich zum Vormonat

 

Preisentwicklung

Monatliche Inflation Russland Create column charts – Quelle: Saxo Bank

 

 

Inflationsschub im Winter 2014/2015 drückte privaten Verbrauch

 

Besonders rasch stiegen die Preise im Winter 2014/2015. In der Spitze verteuerten sich die Güter für den privaten Verbrauch damals allein im Monat Januar 2015 gegenüber Dezember um 3,9 Prozent. Im Jahresdurchschnitt 2015 ließen die Abwertung des Rubel und die Einfuhrverbote die Verbraucherpreise 2015 doppelt so schnell steigen (+15,5 Prozent) wie 2014 (+7,8 Prozent).

Anstieg der Verbraucherpreise im Jahresdurchschnitt:

  • 2014: 7,8 Prozent
  • 2015: 15,5 Prozent

Die Einkommen stiegen nominal weit schwächer als die Preise. Real sanken sie deutlich. Der Inflationsschub schwächte die Kaufkraft der Verbraucher. Der Verbrauch der privaten Haushalte war 2015 preisbereinigt 9,6 Prozent niedriger als 2014. Der Einzelhandelsumsatz sank trotz der starken Preissteigerungen 2015 um 10 Prozent.

Nachfrageeinbruch und Rubelanstieg drücken Teuerungsrate

 

Der drastische Nachfrageeinbruch begrenzt die Möglichkeiten für weitere Preiserhöhungen. Der Preisanstieg bei Nahrungsmitteln hat sich inzwischen deutlich abgeflacht, auch weil russische Produkte Importe aus dem Ausland teilweise ersetzen. Im März 2016 waren die Nahrungsmittelpreise „nur“ noch 5,2 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Ihre Verteuerung ist damit inzwischen sogar geringer als der Anstieg der Verbraucherpreise insgesamt (+7,3 Prozent).

Hinzu kommt: Die Ölpreise haben im Januar 2016 ihr Tief durchschritten und sich deutlich erholt. Damit ist auch der Rubel-Kurs gestiegen. Im März wertete er gegenüber dem US-Dollar im Vergleich zum Februar um 9,6 Prozent auf. Mit einer gewissen Verzögerung dürfte die Aufwertung preisstabilisierend wirken.

Was tat die Zentralbank gegen den Inflationsschub?

 

Vor allem versuchte sie, mit Zinserhöhungen die inflationstreibende Abwertung zu bremsen. Als der Rubel im Dezember 2014 unter verschärften Abwertungsdruck geriet und sich die monatliche Inflation kräftig verschärfte, hob sie den Leitzins auf 17 Prozent an. Hohe Zinsen verteuern aber Kredite für Investitionen und erschweren eine Belebung des Wachstums. Als die monatlichen Inflationsraten im Verlauf des ersten Halbjahres 2015 rasch abnahmen, nutzte die Zentralbank den Handlungsspielraum und senkte den Leitzins in 5 Schritten bis August 2015 auf 11,0 Prozent.

Entscheidung für mehr Wechselkursvolatilität ohne Stützungskäufe

 

Auf Devisenverkäufe zur Stützung des Rubel verzichtet die Zentralbank seit Anfang 2015. Ein weiterer Rückgang der Devisenreserven wurde so vermieden. Sanken die Währungsreserven (inkl. Gold) 2014 noch deutlich um rund 25 Prozent, verringerten sie sich im Verlauf des Jahres 2015 nur noch um rund vier Prozent. Bis Mitte April 2016 hat sich der Bestand der Währungsreserven (einschl. Gold) sogar auf 386,2 Milliarden US-Dollar erholt – ein Anstieg um rund 10 Prozent seit dem Tief ein Jahr zuvor (351 Milliarden Dollar).

Zu den Währungsreserven zählen auch der Reservefonds (Stand 1. April 2016: 50,6 Milliarden Dollar) und der Wohlfahrtsfonds (Stand 1. April 2016: 73,18 Milliarden Dollar). Die Fonds stellen mit insgesamt 124 Milliarden Dollar knapp ein Drittel der Reserven dar.

Für ihre flexible Wechselkurspolitik erhielt die Zentralbank viel internationale Anerkennung. Die Weltbank meinte in ihrem „Russia Economic Report“ Anfang April, dass die Wechselkursflexibilität die Anpassung der russischen Wirtschaft an veränderte Bedingungen erleichtert habe. Die deutliche Abwertung des Rubel stärke die preisliche Wettbewerbsfähigkeit russischer Produkte und mache einige Branchen international konkurrenzfähiger.

Weitere Zinssenkungen für mehr Wachstum?

 

Letztmals senkte die Zentralbank den Leitzins im August 2015. Aus der Wirtschaft und dem russischen Wirtschaftsministerium kommen Forderungen nach Leitzinssenkungen, um der russischen Wirtschaft Wachstumsimpulse zu geben.

Zentralbank-Präsidentin Nabiullina hat in den letzten Wochen jedoch den Eindruck hinterlassen, dass sie den Zeitpunkt für eine weitere Lockerung der Geldpolitik noch nicht gekommen sieht. Kürzlich wiederholte sie ihre Bedenken, der Rückgang der Inflationsrate könne bei 6 bis 7 Prozent stocken. Dies sei zu hoch für profitable langfristige Investitionen. Die Zentralbank sei entschlossen, die Inflationsrate wie angestrebt bis Ende 2017 auf vier Prozent zu senken. 2015 hatte die Zentralbank zum vierten Mal in Folge ihr Inflationsziel verfehlt.

Demgegenüber wurden aus dem Wirtschaftsministerium auch neue Prognosen aus einem „Basisszenario“ bekannt. Dort wird bis Ende 2017 ein schwächerer Rückgang der Inflationsrate auf 4,9 Prozent angenommen. Erst Ende 2019 soll laut Basisszenario des Wirtschaftsministeriums die Inflationsrate auf vier Prozent sinken.

Ein häufiger Streitpunkt zwischen wachstumsorientierten Wirtschaftsministerien und „Stabilitätswächtern“ in den Zentralbanken: Wie viel Inflation tut dem Wachstum gut?

Quellen:

Bilder: Simon Schütt


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