Ethnische Identität – Was sind Deutsche?

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„Als Deutscher ward ich geboren / Bin ich noch einer? / Nur was ich Deutsch geschrieben, / Das nimmt mir keiner“, mit diesem Vers brachte Franz Grillparzer ein Dilemma, das ab 1866 Millionen „Deutsche“ lange Zeit beschäftigte, auf den Punkt. Was war passiert?

Bismarck hatte sich mit seiner kleindeutschen Politik durchgesetzt, die österreichischen Lande waren aus dem Deutschen Bund ausgeschlossen. Gemäß dem Motto „man kann keinen zwei Herren – hier: Kaisern – dienen“, wurden die deutschen Bevölkerungen der supranationalen Donaumonarchie mitsamt ihrem katholischen Herrscherhaus, den Habsburgern, die bis 1806 die deutsch-römischen Kaiser stellten, aus dem neu zu gründenden preußisch-protestantisch, deutschen Nationalstaat entfernt.

Heute ist das Dilemma anders gelagert: Erfahrungen wie „Obwohl ich seit Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit habe, gehöre ich nicht dazu“, werden immer wieder erlebt und beschrieben. Beide Male haben Menschen Probleme mit ihrer deutschen Identität. Was macht dieses „Deutsch-Sein“ so schwierig?

„Deutsche“ gibt es, das steht außer Zweifel. Was „Deutsche“ sind, scheint jedoch nicht so klar zu sein. Liegen etwa die Befürworter des Territorialprinzips mit ihrer Vermutung, dass „die Deutschen“ ihre Identität über das „antiquierte“ Abstammungsprinzip, über das „Blut“, definieren, richtig? Muss die „deutsche Mentalität“ geändert oder gebessert werden, um eine „moderne und zeitgemäße“ Gesellschaft zu erreichen? Oder liegen die Ursachen anders? Kann es sein, dass das Gros der Menschen, die diesen Staat ausmachen, unter „Deutsch-Sein“ etwas anderes versteht als ihre gewählten Repräsentanten?

Ethnologische Untersuchungsansätze, gerade weil sich die Ethnologie als Disziplin mit den Prozessen der Kreation ethnischer Identitäten befasst, können bei der Beantwortung dieser Frage bisher nicht beachtete Aspekte aufdecken.

Die staatliche Identität: War Goethe Deutscher?

Das staatliche Verständnis ist leicht festzustellen, ein Blick in das Grundgesetz genügt: Für den Staat „Bundesrepublik Deutschland“ gelten all diejenigen, die die deutsche Staatsangehörigkeit haben, als „Deutsche“. Nach dem Konzept des Staates bestimmt somit die Staatsangehörigkeit die Identität. Wie diese erworben wird, handeln Parteipolitiker und Vertreter von Interessensgruppen aus. Die gewählten Repräsentanten des „deutschen Volkes“ beschließen danach die entsprechenden Gesetze. Wer die Anforderungen der jeweiligen Gesetze erfüllt, ist oder wird „Deutscher“, hat damit dieselben Rechte und Pflichten wie alle anderen, die diesen Status inne haben. Ob die Gesetze dem Abstammungsprinzip, der territorialen Variante oder Kombinationen aus beiden den Vorzug geben, mag zu mehr oder weniger heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Entscheidenden führen. An der eigentlichen Tatsache ändert sich jedoch nichts: Wer Staatsangehöriger und damit „Deutscher“ ist oder werden kann, wird auf der Ebene des Bundes entschieden.

Zum ersten Mal wurde diese Festlegung des „Deutsch-Seins“ von Seiten des Staates 1913 im „Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz“ eingeführt. Wie war das aber vorher? Gab es vor 1913 keine „Deutschen“? Wurden Konrad Adenauer (geb. 1876), Friedrich Ebert (geb. 1871) und die gesamte Bevölkerung erst 1913 zu „Deutschen“, oder gibt es noch ein anderes, ein nicht-nationales Verständnis der deutschen Identität? Ein Verständnis, das es Franz Grillparzer (geb. 1791), Johann Wolfgang von Goethe (geb. 1749), Martin Luther (geb. 1483), Johannes Gutenberg (geb. um 1397) oder Walther von der Vogelweide (geb. um 1170) ermöglichte, auch ohne Staatsangehörigkeit „Deutsche“ zu sein? Ein Verständnis, das heute noch im Alltag gelebt wird und – möglicherweise – anders ist als das im staatspolitischen Diskurs ausgehandelte?

Die lokale Identität: Ist jeder deutsche Staatsbürger Deutscher?

Gelebter Alltag findet in der Bundesrepublik größtenteils in Städten und Dörfern statt. In gesellschaftlichen Mikrokosmen also, die – wie anderswo Nomadenlager oder Inseln – ihren Einwohnern klare Grenzen bieten und gerade deshalb von Ethnologen als ihre klassischen Untersuchungsfelder bevorzugt werden.

Kirrlach, ein Dorf in Nordbaden, ist seit mehr als 775 Jahren – der älteste bisher gefundene Nachweis entstammt einer Urkunde aus dem Jahr 1234 – ein solcher Ort an der Basis, auch wenn er aufgrund einer Entscheidung staatlicher Gremien offiziell nicht mehr existiert: 1975 wurde Kirrlach gemeinsam mit seinen Nachbardörfern Wiesental und Klein-Waghäusel zur heutigen Großen Kreisstadt „Waghäusel“ fusioniert. Trotz des Verlustes der Selbständigkeit existieren die drei Dörfer im Bewusstsein und im Alltag der Einheimischen jedoch weiter, diese sind „Kirrlacher“, „Wiesentaler“ oder „Klein-Waghäusler“ geblieben. Ihre gewachsene Identität ist ihnen demnach wichtig: Sie entscheiden selbst darüber, lassen sie sich nicht von staatlichen Instanzen vorschreiben. Da die neue Identität als „Waghäusler“ mit der gewachsenen als „Kirrlacher“, „Wiesentaler“ oder „Klein-Waghäusler“ bisher kaum in Konkurrenz getreten ist, sondern lediglich eine neue, zusätzliche Bezugsebene darstellt, funktioniert die Verbandsgemeinde relative problemlos. Die Menschen haben ihre Existenz akzeptiert, bezeichnen sich – je nach Kontext – außerhalb ihrer Dörfer auch als „aus Waghäusel kommend“. Genau diese Kontextbezogenheit ist wesentlich für die Art und Weise, wie Kirrlacher ihre Identität konstruieren: In ihrem Dorf und ihrer Region, wo Kirrlach als identitätsstiftender Verband anerkannt ist, sind sie „Kirrlacher“. Außerhalb dieses Bereichs bezeichnen sie sich – den regionalen Kenntnissen ihres Gegenübers entsprechend – als „Waghäusler“, als „aus der Gegend von Bruchsal, Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe kommend“, als „aus Nordbaden, Baden, Baden-Württemberg stammend“. Ihr „Deutsch-Sein“ wird als Identitätskriterium erst im Ausland wirksam: „Deutsche“ sind Kirrlacher beispielsweise in Frankreich, Italien, Spanien, Dänemark oder der Türkei.

Identität wird „ausgehandelt“

„Deutsch“ ist nach diesem Konzept nur ein Punkt auf einer Skala von Identitäten, die ihren Ausgangspunkt im heimatlichen Verband – in unserem Fall Kirrlach – nimmt, die kein Ende hat und sich im Verlauf der Geschichte auch ständig änderte. Die Ausgangsbasis, der heimatliche Verband allerdings, der blieb immer gleich. Der Punkt auf der Skala, der mit „deutsch“ bezeichnet wird, beschreibt die gemeinsame kollektive Identitätsebene, die im Gegensatz zum „Außen“ genutzt wird. Innerhalb des Dorfes und der Staatsgrenzen spielt diese Kategorie eine eher untergeordnete Rolle, die allerdings aufgrund der seit mehr als hundert Jahren andauernden – und seit der Reaktivierung der Hauptstadt Berlin stetig wachsenden – nationalen Propaganda auch in Kirrlach deutlicher zum Tragen kommt.

Dem indigenen, nicht-nationalen Konzept zufolge werden keine „Deutschen“ geboren, sondern Kinder. Diese Kinder werden dann zu „Kirrlachern“, „Wiesentalern“, „Heidelbergern“, „Leipzigern“, „Frankfurtern“ sozialisiert. Im Verlauf dieser Sozialisation lernen sie, wie die einheimische Identität ausgehandelt wird. Dazu gehört auch die kontextbezogene Anwendung der Identitätsebenen, beispielsweise das Wissen darüber, dass man im Ausland „Deutscher“ ist, weil man im Inland „Kirrlacher“ ist.

„Kirrlacher“ ist man jedoch nicht aufgrund seiner Abstammung oder aufgrund der Tatsache, dass man auf Kirrlacher Territorium geboren wurde oder dort lebt. Sicher, diese identitätsstiftenden Aspekte sind auch hier vorhanden, haben allerdings einen anderen Stellenwert als den üblicherweise angenommenen: Sie sind nicht der zentrale, identitätsstiftende „Wert“.

Das Leben auf dem Territorium des Dorfes ist nur eine Voraussetzung, die Abstammung nur ein Indiz für den Grad, bis zu welchem eine Familie die Sozialisation zum „Kirrlacher“ gewährleisten kann. Wer keine Kirrlacher Großeltern hat, kann nicht in dem Maße zum „Kirrlacher“ erzogen werden, wie jemand, dessen Familie seit Generationen im Dorf verwurzelt ist. Die Manifestation des Grades der Verwurzelung einer Familie ist die Anzahl der Gräber auf dem Friedhof des Dorfes. Der Friedhof gehört zum Dorf wie der Taufstein in der Kirche oder das Einwohnerverzeichnis im Rathaus. Integration und Zugehörigkeit werden nach diesem Konzept auf dem Friedhof sichtbar.

Integration heißt Sozialisation

Jeder, der Kirrlach als seinen Wohnort auswählt, kann diese Sozialisation mitmachen, nach einer gewissen Aufenthaltsdauer erwarten die Kirrlacher das sogar. Verläuft sie in den Augen der Einheimischen erfolgreich, werden die „Neuen“ als Mitglieder in den Verband der Kirrlacher aufgenommen. Lehnen Zugezogene die Option, sich zu integrieren ab, weil sie lieber Mitglieder eines anderen identitätsstiftenden Verbands bleiben wollen – „Philippsburger“, „Berliner“, „Leipziger“, „Münchner“ – , bleiben sie zwar „Zugezogene/Fremde“, jeder weiß aber, dass sie Mitglieder des übergeordneten „Verbands der Deutschen“ sind. Sie haben nur von einem Konzept Gebrauch gemacht, das bis vor wenigen Jahrzehnten noch gesetzlich verankert war: Sie haben das „Heimatrecht“ des Verbands behalten, zu dem sie sich zugehörig fühlen.

„Ausländer“ sind für Kirrlacher diejenigen, die aufgrund ihrer Basisidentität nicht Mitglieder des übergeordneten Verbands der Deutschen sind. Auch sie haben dieselbe Option wie alle Inländer, auch von ihnen wird erwartet, dass sie lernen, „Kirrlacher“ zu sein. Tun sie es, werden sie genau wie Inländer als Mitglieder aufgenommen, ihre Staatsangehörigkeit spielt dabei keine wesentliche Rolle. Tun sie es nicht, können sie nicht dazugehören, auch wenn sie die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. In solchen Fällen wird deutlich, dass die nationale, staatliche Definition der „deutschen Identität“ und die nicht-nationale der Basis verschieden sind: Die eine wird von oben nach unten verordnet, die andere von innen nach außen entwickelt. Probleme entstehen dann, wenn beide in Konkurrenz zueinander treten.

Konkurrenz der Identitäten

Wie aber sind die identitätsstiftenden Verbände an der Basis definiert? Ein Blick in die Geschichte kann diese Frage klären: Sie sind die ehemals selbständigen Dörfer und Städte, die Verbände also, die die unterste Gerichtsbarkeit ausübten, die bis 1872 offiziell das Recht hatten, über die Aufnahme oder den Ausschluss – die „Heimatberechtigung“ – ihrer Mitglieder selbst zu entscheiden. Mit der Erfindung und Schaffung des deutschen Nationalstaates und der Staatsangehörigkeit änderte sich das. Das Mitspracherecht zuerst der Gemeinden, dann der Länder wurde immer stärker eingeschränkt. Heute haben die identitätsstiftenden Verbände an der Basis auf die Entscheidung, wer „Deutscher“ ist oder werden darf, keine Einflussmöglichkeit mehr – abgesehen vom polizeilichen Führungszeugnis der Ordnungsämter. Die einheimischen Konzepte jedoch haben weiterhin ihre Gültigkeit, sie sind zu ungeschriebenen Gesetzen geworden.

Der vom Staat verordneten Kombination aus Abstammungs- und Territorialprinzip als Grundlage der nationalen „deutschen Identität“ steht also ein nicht-nationales Verbandsprinzip im gelebten Alltag gegenüber. Ein Konzept, das bereits in einer möglichen Etymologie des Wortes „deutsch“, nämlich „diot, theoda = Verband“ vorhanden ist. Danach hieße „Deutschland“ schlicht und einfach „Verbands-Land“, eine Bezeichnung, wie sie wohl treffender nicht sein könnte.

Diesem nicht-nationalen „Verbandsprinzip“ zufolge ist Grillparzer 1866 „Deutscher“ geblieben, ihm zufolge kann auch heute niemand „Deutscher“ sein, der nicht anerkanntes Mitglied eines Verbandes an der Basis ist, auch wenn er die deutsche Staatsangehörigkeit hat.

Fazit: Zu Beginn des Nationalstaats grenzten staatliche Autoritäten Bevölkerungsteile, die nach den Konzepten der Menschen, die den Staat ausmachten, „Deutsche“ waren, mittels der Staatsbürgerschaft aus. Heute hat sich das umgekehrt: Nun nimmt der Staat – ebenfalls mittels der Staatsangehörigkeit – auch solche Menschen in den „Verband der Deutschen“ auf, die nach den nicht-nationalen Konzepten der einheimischen Bevölkerung keine „Deutschen“ sind.


Information

Dieser Artikel ist Roland Baader gewidmet, einem echten Kirrlacher mit altem Kirrlacher Namen.

Autor

Ellen Kattner

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