US-Polizei unterbricht Videostream von Belagerung einer Wohnung, um schwarze Frau zu erschießen

Übertragung unterbrochen
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Ein Artikel der Jungen Welt

Aus Protest gegen die Erschießung von Korryn Gaines in Baltimore errichten seit dem Wochenende Frauen in den USA sogenannte Altäre als Gedenkstätten für schwarze Frauen, die Opfer rassistischer Polizeigewalt wurden. Sie folgen damit einem Aufruf des Kollektivs »Black Feminist Future«. Diese Altäre seien nur »eine der verschiedenen Formen von Widerstand und Rebellion«, um die prekäre Situation der schwarzen Bevölkerung sichtbar zu machen, erklärte das Kollektiv. Es sei »eine Möglichkeit, uns öffentlichen Raum zurückzuerobern und gemeinsam zu trauern und die Namen der schwarzen Frauen und Mädchen zu verbreiten, die wir verloren haben«.

Zuletzt war in der Vorwoche die 23jährige Gaines von einem Sondereinsatzkommando erschossen worden, als sie sich weigerte, Polizisten in ihre Wohnung zu lassen. Die Mutter zweier Kinder war im März mit einem Auto angehalten worden, das nicht mit einem offiziellen Nummernschild, sondern mit einem selbstgemachten Pappschild versehen war. Als sie nicht zu einem Gerichtstermin erschien, der kürzlich wegen dieser Ordnungswidrigkeit anberaumt worden war, wurde für den 1. August ein Vorführbefehl erlassen. Wie die Zeitung Baltimore Sun berichtete, habe Gaines jedoch den Beamten erklärt, sie hätten kein Recht, ihre Wohnung zu betreten. Dabei habe sie laut Polizeiangaben mit einer Waffe gedroht.

Die daraufhin alarmierte Spezialeinheit hatte Gaines’ Wohnung mehrere Stunden belagert, was die junge Frau mit ihrem Handy live ins Internet übertrug. Ihr Appartement wurde allerdings erst gestürmt, nachdem Bezirkspolizeichef James Johnson die Abschaltung des Streams bei Facebook erwirkt hatte. Ohne Zeugen erschossen die schwerbewaffneten Beamten die Frau vor den Augen ihres fünfjährigen Sohnes und verletzten auch ihn durch einen Schuss schwer. Die American Civil Liberties Union äußerte danach scharfe Kritik am Vorgehen der Polizei, weil sie nicht nur den Vorführbefehl »unter Anwendung tödlicher Gewalt vollstreckte«, sondern das auch mit dem Wissen getan habe, »dass sich ein fünfjähriges Kind in der Schusslinie befand«.

In Baltimore finden seitdem fast täglich Kundgebungen statt. Schwerpunkte der Proteste um die errichteten Gedenkstätten sind die New Yorker Bezirke Brooklyn und Bronx, die Städte Cleveland, Philadelphia, Atlanta, Grennsboro, Raleigh und Dutzende weitere Orte. An der aktuell noch andauernden Mobilisierung beteiligen sich auch Ortsgruppen der Bewegung »Black Lives Matter« (BLM). Unter dem Hashtag »#SayHerName« macht BLM seit geraumer Zeit auf die »vergessenen weiblichen Opfer der Polizeimorde« aufmerksam und fordert dazu auf, bei Demonstrationen ihre Namen öffentlich laut zu rufen. Opfer der staatlichen Gewalt seien aber auch »die unzähligen Mütter der Bewegung«, deren Kinder von weißen Polizisten ermordet werden, wie Jamilah King im antirassistischen Internetblog Identities.Mic.com betonte. Diese Frauen müssten »nicht nur ihre Kinder zu Grabe tragen«, sondern sie kämpften meist auch vergeblich dafür, dass die uniformierten Täter bestraft werden.

Die US-Organisation »Color of Change« hat unterdessen fast 30.000 Unterschriften unter eine Petition gegen »Mark Zuckerbergs Facebook« gesammelt. Sie wirft dem Unternehmen vor, mit der willfährigen Abschaltung des von Gaines aktivierten Livestreams erst die Voraussetzung für den tödlichen Verlauf der Polizeiaktion geschaffen zu haben. Ohne Videobeweise im Internet kontrolliere die Polizei das Geschehen und stelle die Opfer hinterher immer »als Leute dar, die den Tod verdienten«.

Das bestätigte im britischen ­Guardian auch James MacArthur, ein schwarzer Radioaktivist und Polizeikritiker aus Baltimore, der 2012 in einer vergleichbaren Situation wie Gaines die polizeiliche Belagerung seiner Wohnung ebenfalls im Internet übertragen hatte. Er habe sogar legal eine Waffe besessen und verdanke es nur dem großen Onlinepublikum, heute noch am Leben zu sein. »Das war meine einzige Chance«, sagte McArthur, deshalb sei im Fall Gaines der Stream auch abgestellt worden.

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Autor: Jürgen Heiser
Foto: Bryan Woolston/Reuters

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